
Radtourismus zwischen Qualität, Infrastruktur und Alltagsmobilität
Beim 42. ADFC-Mittagsgespräch stand der Radtourismus in Bayern im Mittelpunkt – mit einem Blick aufs große Ganze und einem konkreten Praxisbeispiel aus Oberbayern. Zwei Referenten beleuchteten, wie sich Infrastruktur, touristische Angebote und...
…nachhaltiges Qualitätsmanagement zu einer überzeugenden Radreisedestination zusammenfügen lassen.
Bayern als Radreiseland: Chancen und Herausforderungen
Den Auftakt machte Dr. Johann Niggl, Leiter der Abteilung Tourismus im Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus. Er zeichnete ein lebendiges Bild von Bayern als vielseitiger und stark nachgefragter Radreisedestination und zeigte auf, wie Infrastruktur, Angebote und Vermarktung zusammenspielen müssen, um Radurlaub auf Top-Niveau – nachhaltig und zielgruppengerecht – zu ermöglichen.
Dr. Niggl sieht im Radtourismus eine naturverträgliche Urlaubsform mit weiter wachsendem Potenzial, gerade auch für die Entwicklung ländlicher Räume. Damit verbunden sind freilich auch Hausaufgaben: Ein flächendeckendes Angebot an Gastronomie und Übernachtungsmöglichkeiten, spezifische Services für Radreisende sowie eine verbesserte Fahrradmitnahme im öffentlichen Personennahverkehr bleiben zentrale Herausforderungen, an denen weiter gearbeitet werden muss. Aus Sicht des ADFC Bayern sind das keine neuen Forderungen. Umso erfreulicher, dass sie auch auf ministerieller Ebene benannt werden.
Inn-Salzach: Vom Praxisprojekt zum Erfolgsmodell
Der zweite Teil des Gesprächs gehörte Josef Geisberger, Geschäftsführer und Projektmanager Rad beim Tourismusverband Inn-Salzach. Er schilderte eindrücklich, wie die beiden oberbayerischen Landkreise Mühldorf am Inn und Altötting – mit zusammen rund 240.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, 55 Kommunen und einer Gesamtfläche von rund 2.230 km² – in den vergangenen Jahren systematisch zu einer zertifizierten ADFC-RadReiseRegion entwickelt wurden.
Ausgangspunkt waren ernüchternde Ergebnisse: Befragungen aus dem Jahr 2015 zeigten, dass mehr als die Hälfte der Gäste und Einheimischen mit der Wegweisung und den Infotafeln unzufrieden war. Die Antwort war eine konsequente Qualitätsoffensive, die 2016 startete und klare Ziele verfolgte: ein einheitliches, digital erfasstes Radwegenetz, eine durchgängige Beschilderung nach FGSV-Richtlinien, neue Zielgruppen und als Qualitätsanker die ADFC-Zertifizierung.
Ein Projekt, vier Phasen, viele Beteiligte
Das Radwegenetz Inn-Salzach wurde in vier Projektphasen von Oktober 2016 bis Januar 2020 realisiert, mit dem Tourismusverband Inn-Salzach als federführendem Projektträger. Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 750.000 Euro, wobei ein erheblicher Teil über LEADER-Fördermittel sowie Beiträge der Landkreise und Kommunen finanziert wurde.
Die Planungsarbeit war beträchtlich: Über 1.450 Kilometer Radwegenetz wurden befahren und fotografisch dokumentiert, 55 Projektgemeinden und zahlreiche Fachbehörden in den Freigabeprozess eingebunden. Entstanden ist ein kohärentes System mit 1.500 Kilometern Radwegen, 24 Thementouren, 2.570 Schilderstandorten, 96 einheitlichen Infotafeln sowie 800 georeferenzierten Points of Interest.
Qualität, die bleibt: Zertifizierung und Qualitätsmanagement
Seit 2020 trägt die Inn-Salzach-Region das Zertifikat der ADFC-RadReiseRegion. Aktuell befindet sie sich bereits im dritten Zertifizierungsdurchgang, was das nachhaltige Engagement der Region unterstreicht. Zehn eingereichte Qualitätsrouten, darunter die Eiszeit Tour, die Drei Seen Tour und die Inn-Salzach ArchitekTour, erfüllen die hohen ADFC-Kriterien hinsichtlich Wegqualität, Beschilderung und touristischer Infrastruktur.
Die Re-Zertifizierung alle drei Jahre ist dabei nicht bloße Pflichtübung, sondern Antrieb für kontinuierliche Verbesserung: Verbesserungsvorschläge zur Wegequalität werden systematisch an die Kommunen weitergegeben, die Radverkehrsinfrastruktur, also Abstellanlagen, Rastplätze, Ladestationen, sukzessive ausgebaut. Ein breites Netzwerk aus kommunalen Bauhöfen, Landratsämtern, staatlichen Bauämtern und ehrenamtlichen Wegepaten sichert den laufenden Betrieb.
Tourismus und Alltagsmobilität Hand in Hand
Was das Beispiel Inn-Salzach besonders wertvoll macht: Es zeigt, dass Investitionen in den Radtourismus und in die Alltagsmobilität keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig stärken. Ein gut ausgeschildertes, lückenlos erschlossenes Radwegenetz nützt Urlauberinnen und Urlaubern ebenso wie der einheimischen Bevölkerung. Für den ADFC Bayern ist dieses Modell genau deshalb wegweisend – und ein Ansporn für weitere Regionen in Bayern, ähnliche Wege zu gehen.



















